Die "Bühne für Musikvisualisierung" wurde eröffnet mit der Inzenierung "Fidelio, 21. Jahrhundert" (Produktion: Fraunhofer-Institut für Medienkommunikation, Regie: Johanna Dombois, Realisation: Vertigo Systems GmbH und rmh new media gmbh). Dahinter verbirgt sich die aktuellste Deutung jenes historischen Materials, das Ludwig van Beethoven als dritte und letzte Fassung seiner einzigen Oper "Fidelio" 1814 zur Uraufführung gebracht hat.
Vor dem Hintergrund, daß sich Bühnenkunstwerke hauptsächlich durch ihre Aufführungen mitteilen, ja daß sie nur durch permanente Neubefragung überleben können, legt gerade eine Oper wie der "Fidelio" eine zeitgemäße Interpretation nahe. Denn schon Beethoven selbst hatte seinen "Fidelio" unzählige Male überarbeitet. Der Stoff mußte immer wieder neuen historischen und organisatorischen Bedingungen angepaßt werden. Die Diskrepanz zwischen Alt und Neu ist diesem Werk bereits eingeschrieben.
Insofern scheint es einem historisch gewachsenen Bedürfnis zu entsprechen, Beethovens "Fidelio" in einem Rahmen zu gestalten, der nun auch unser neues, 21. Jahrhundert repräsentiert. Mit "Fidelio, 21. Jahrhundert" wurde der Versuch unternommen, ein klassisches Werk konsequent mit den Neuen Medien zu konfrontieren. Bereits vor Ort läßt sich damit im Beethoven-Haus Spannung erzeugen: ist "Fidelio" bekanntlich eine Oper, deren Handlung sich in einem Kellergewölbe vollzieht, so ist "Fidelio, 21. Jahrhundert" inszeniert mit Blick auf das historische Gewölbe des Beethoven-Hauses, in dem die "Bühne für Musikvisualisierung" seit Dezember 2004 beheimatet ist.
Alt und Neu also an einem Ort, das heißt konkret: Oper wird mit Hilfe von "3D-Virtual Reality Technology" inszeniert als interaktives Bildtheater. Auf herkömmliches Sängerpersonal wird zugunsten von kooperativer Gruppeninteraktion verzichtet. Neue szenische Möglichkeiten ergeben sich durch "3D-Passiv-Stereoprojektion" und 3D-Bildquellen. Durch die Arbeit mit einer Klangkonserve und einer Schnittfassung konnte die erste "3D-Klangprojektion" für ein Standardwerk der Opernliteratur geschaffen werden. Kurz, Oper wird (wieder) zum "Klangraum". Dabei stellt die Technik der Virtualität die Authentizität des Musiktheaters nicht in Frage, sondern rückt diese erst ins Bewußtsein.
Insgesamt präsentiert sich hier das Genre "Musikvisualisierung" als eine Form lebendigen Musiktheaters. Denn stimuliert der Programmiercode im virtuellen Raum den Fluß der Bilddaten, so kann der Fluß der Töne, der für Musik ja konstitutiv ist, über das bloße Bebildern hinaus in Szene gesetzt werden. Das Virtual Environment ermöglicht der Oper, ihren traditionellen Anspruch zu verwirklichen: die gleichberechtigte Einheit von Bild und Ton.