Homepagee Research centre Noten1Noten2
about us | contents | search | legal | location | patrons | links | contact us |
HomepageMuseumResearchLibraryChamber music hallPublishersSocietyShopStageDigital archive
 
 
Thema: Violinkonzert op. 61
Christoph Koncz wrote on 17.09.2006:
Sehr geehrte Damen und Herren,

im Zuge meines Vorhabens, Beethovens Violinkonzert zum für mich ersten Male einzustudieren, gelangte ich nun in den Besitz der Studienpartitur von Henle. Im Vorwort von Dr. Herttrich (2001) lese ich dort: "Besonders hingewiesen sei auf den nachträglichen Kritischen Bericht, der nach dem Tod des Herausgebers, Shin Augustinus Kojima, 1994 vom Unterzeichneten vorgelegt wurde und die verschiedenen Fassungen des Konzerts ausführlich darstellt. Dort sind auch einige Addenda und Corrigenda zum Gesamtausgabenband mitgeteilt, die selbstverständlich bereits in den Text dieser Studienausgabe eingearbeitet wurden."
Tatsächlich finde ich in dieser (neuen) Studienpartitur im ersten und besonders im dritten Satz zahlreiche Fußnoten, die auf Unterschiede in den verschiedenen Fassungen hinweisen. Sind dies nun die "Addenda und Corrigenda", d.h. ist der Notentext selbst an jenen Stellen unverändert geblieben? Auffallend erscheint mir überdies, dass die in den Fußnoten mitgeteilten Änderungen meist auf alle Hauptquellen, d.h. auf Autograph, überprüfte Abschrift und beide Originalausgaben zurückgehen. Welche Quellen enthalten die im Notentext wiedergegebenen Fassungen?

Weiters ist mir aufgefallen, dass Beethoven mit Phrasierungsbezeichnungen in der Soloviolin-Stimme äußerst sparsam umgegangen ist. In der Interpretationsgeschichte des Werkes im 20. Jahrhundert haben sich jedoch viele Phrasierungs- und Bindebögen eingeschlichen, die dem Zuhörer bereits so geläufig sind, dass er meint, sie seien von Beethoven selbst. Manche dieser Gepflogenheiten missachten explizit Beethovens (spärliche) Angaben, wie z.B. in Takt 142 des ersten Satzes: Die eindeutigen Artikulationspunkte über zwei Noten werden nicht beachtet, der gesamte Takt hingegen auf zwei Legatobögen aufgeteilt.
Die acht Takte vor dieser Stelle hingegen haben von Beethoven überhaupt keine Artikulationsbezeichnung erfahren. Ich bin mir sicher, dass diese vom Solisten nach Geschmack ergänzt und eventuell improvisiert wurden. Kennen Sie Dokumente von Beethoven oder seinem nahen Umfeld, die belegen, wie mit solchen Stellen umzugehen sei?

Mit bestem Dank und freundlichen Grüßen aus Wien,

Christoph Koncz

  Answer: Violinkonzert op. 61
Dr. Ernst Herttrich answered on 18.09.2006:
Sehr geehrter Herr Koncz,

Die Fußnoten der Studienpartitur verweisen nicht auf Addenda und Corrigenda. Die sind nur in dem gesondert veröffentlichten, nachträglichen Kritischen Bericht aufgelistet. In der Studienpartitur sind sie, wie im Vorwort gesagt, bereits in den Notentext eingearbeitet.

Die Fußnoten in der Studienpartitur waren bereits im Gesamtausgabenband vorhanden. Sie betreffen Stellen, wo die Hauptquellen in besonders eklatanter Art und Weise voneinander abweichen - also z.B. in T. 312-314 des 1. Satzes, wo dieTakte in den beiden handschriftlichen Quellen (Autograph und Abschrift) ohne Notierung sind und die gedruckten Quellen Pausen haben. Warum der Herausgeber, Herr Kojima, in diesen Takten Noten wiedergegeben hat, ist im Kritischen Bericht dann ausführlich erläutert.

Hauptquelle war die Wiener Erstausgabe, was jedoch nicht bedeutet, dass die Ausgabe einfach deren Text wiedergibt. Der Erstdruck enthält vielmehr eine ganze Reihe von Fehlern und Ungenauigkeiten, die Beethoven beim Korrekturlesen übersehen hat. Es war daher wichtig, auch die anderen Quellen zu Rate zu ziehen. Über die Abweichungen zwischen diesen einzelnen Quellen gibt der Lritische Bericht Auskunft; dort sind Entscheidungen gegen die Hauptquelle auch jeweils genau begründet. Solche Kritischen Berichte sind, das gebe ich zu, oft recht mühsam zu "konsumieren". Es lohnt sich aber, glaube ich, doch, sich dieser Mühe zu unterziehen. Letzten Endes ergibt sich daraus immer ein Erkenntnisgewinn, der auch für die Praxis nicht ohne Bedeutung ist.

Was nun die von Beethovens Originalbezeichnung häufig abweichende gängige Praxis angeht, so führen wir musikwissenschaftlichen Herausgeber seit Jahrzehnten einen (verzweifelten) Kampf. Es ist offenbar sehr schwer, Dinge, die sich in der Praxis breit gemacht haben, wieder rückgängig zu machen. Wenn Beethoven T. 142 des ersten Satzes in dieser besonderen Weise bezeichnet, sollte man natürlich auf jeden Fall auch entsprechend artikulieren.

Was die unbezeichneten Stellen angeht, so gibt haben sie wohl Recht, dass dabei die Ausführung dem Spieler überlassen ist. Er sollte sich dabei allerdings an die stilistischen Vorgaben der Zeit halten wie sie in verschiedenen Violinschulen niedergelegt sind. Aus Beethovens direktem Umkreis kenne ich keine entsprechenden Dokumente.

Viel Freude bei der Arbeit mit Beethovens Violinkonzert.

  All fields are mandatory
Your answer 
Your name 
Your e-mail address 
Code