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Subject: Giganten im ZDF vom 6.4.07
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Bärbel Würth wrote on 16.09.2008:
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Mit Interesse habe ich den ersten Teil der Serie "Giganten" am 6.4.2007 im ZDF gesehen. Beethoven fasziniert mich schon seit Jahrzehnten und so war ich gespannt auf die Dokumentation.
Die Idee der Serie, aufzuzeigen, wie ein Mensch trotz körperlicher Leiden und misslicher Umstände ein so gewaltiges Werk schaffen konnte, wurde im Großen und Ganzen gut umgesetzt.
Uwe Ochsenknechts Darstellung war schon erstaunlich, aber einige Dinge sind mir doch aufgestoßen:
1. Die unehelichen Kinder sind nicht bewiesen und es erstaunt mich, daß die Vermutungen hier so viel Raum einnahmen.
2. Bleivergiftung war zu Beethovens Zeiten seiner Verwandtschaft nicht bekannt. Die Entdeckung auf Grund der Haaranalyse war eine Sensation in den 1990ern. In allen bis zu diesem Zeitpunkt erschienen Büchern zu Beethovens Krankheiten wurde Blei nie erwähnt.
3. Karl sollte nicht zum Musiker erzogen werden, eher zum Philologen. Er wurde sicher nicht mit der Geige zum Straßenmusizieren geschickt. Auch stand er nicht am Totenbett seines Onkels, sondern war zu der Zeit bei der Armee in Iglau.
4. Beethoven war kein Alkoholiker. Das Blei konnte auch über die Wasserleitungen, Geschirr und verbleite Donaufische in den Körper kommen. Zu seiner Zeit gab es allerdings nicht viele "saubere" Getränke. Wein wurde zudem oft mit Wasser verdünnt.
5. Beethoven hat die Uraufführung der 9. Symphonie nicht selbst dirigiert, stand aber dabei. Aber hier ist U. Ochsenknecht nicht allein. G. Oldman und E. Harris dirigieren entgegen der Berichte von Zeugen auch die Uraufführung.
6. Beethoven gab in den späteren Jahren, als Karl bei ihm war, keinen Klavierunterricht mehr.
7. Beethoven hatte keine Syphilis, das wurde durch die Haaranalyse bewiesen. Hier wird in der Szene mit den Prostituierten suggeriert, er sei daran erkrankt. Es wurde bei der Haaranalyse kein Quecksilber gefunden, welches die Syphilisvermutung bestätigt hätte.
8. Streichquartette schrieb er vor seinem Leberkoma im März 1827 nicht mehr.
9. Beethoven reiste den angebeteten Frauen nicht nach.
Da Herr Ochsenknecht immer gleich gekleidet war, konnte man nicht sehen, in welchen Jahren die einzelnen Szenen spielten und dies war für mit der Biografie nicht Vertraute eigentlich unmöglich. Wenn man sich die zu Lebzeiten entstandenen Portraits Beethovens ansieht, ist eine Veränderung über Jahrzehnte zu sehen. Dies kam im Film nicht rüber.
Die Musikauswahl war sehr klein. Da hätte mehr kommen können.
Auch wurde die Kindheit nur am Rande erwähnt. Sie hätte ausführlicher behandelt werden können.
So war ich doch etwas enttäuscht, daß hier wieder die Chance vertan wurde, ein reales Bild Beethovens aufzuzeigen.
Wie kam der Film bei anderen Zusehern an? |
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Reply: Giganten im ZDF vom 6.4.07
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Dennis Schmeckpeper replied on 16.09.2008:
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Ich muss sagen, ich war sehr enttäuscht und schwer erschüttert von dieser Dokumentation. Es wurden einfach sehr viele Unwahrheiten als "Tatsachen" dargestellt, für die es noch viele andere, plausiblere Erklärungen gibt. Das Hörleiden beispielsweise hat Roman Rolland viel sinnvoller und ehrlicher in "Beethovens Meisterjahre" durch ein Labyrintherkrankung erklärt, die sowohl ihren Ursprung im Gehirn wie auch im Darm haben kann. Wieso ehrlicher? Roman Rolland zieht alle Krankheiten in Betracht, wägt dann die Symptome mit denen von Beethoven ab und konnte so, mit Hilfe eines Gehörspezialisten, die Hauptursache herausfiltern. In der Dokumentation wurde das nicht getan. Die Bleivergiftung hat das Leiden sicher noch verschlimmert, aber warum sollte denn ausgerechnet Beethoven als einziger an Taubheit erleiden? Roman Rolland führt nämlich die riesige Anstrengung die Beethoven geistig auf sich geladen hat oder ihm aufgeladen wurde, als Hauptgrund auf ? die geistige Anstrengung war bei Beethoven nämlich einzigartig. Er war so in sich zurückgezogen beim komponieren, so sehr konzentriert, dass es dann Auswirkung auf sein Gehör hatte. Es sind ähnliche Fälle mit dieser Labyrintherkrankung bekannt, die fast identische Symptome, wie denen von Beethoven aufweisen und durch eine einfach, strenge Diät geheilt werden konnte.
Auch diese voreiligen Schlüsse auf Beethovens Persönlichkeit durch irgendwelche "Abstände zwischen den Wörtern" scheint mir zwar als Ansatz durchaus sinnvoll und man sollte den auch nachgehen, aber in einer Dokumentation im Zdf, die doch einen Bildungsauftrag zu erfüllen hat, haben solche Vermutungen nichts zu suchen.
Allgemein darf man sich doch die Frage stellen, was für "Experten" dort zur Rate gezogen wurden. Über Frau Tanneberger die als "Beethovenforscher" dargestellt wird, findet sich bei google außer dieser Dokumentation keinen Eintrag. Auch Anne-Sophie Mutter scheint mir nicht als passend für diese Dokumentation, laut ihrer Aussage sei op. 12 die erste Sonate gewesen, was natürlich falsch ist. op. 2,1 ist die erste Sonate für Klavier in f-moll, auf die sie hier Bezug nimmt. Ein weiterer Fehler ist die Aussage, dass Haydn Beethovens "großer Lehrer" gewesen sei. Es gibt Berichtet, dass Haydn sehr unkonzentriert beim Unterricht mit Beethoven gewesen sei und viele Fehler übersehen hat, so kam es dann auch das er Unterricht bei Salieri nahm, der ihn mehr Aufmerksamkeit schenkte. Das die Persönlichkeiten und Musik Haydns wie Mozarts sehr viel Gewicht und Einfluss auf Beethoven hatte ist natürlich richtig, so sind die ersten Sonaten op. 2 auch Haydn gewidmet.
Eine völlige Frechheit ist die Darstellung wie Beethoven komponiert haben soll. Das Thema was Ochsenknecht am Klavier entwickelt, die "Ode an die Freude" aus der Neunten, taucht schon sehr viel früher in den Skizzenbücher von Beethoven auf, noch weit vor den ersten 3. Sätzen der Neunten. Es stand ursprünglich in C oder F. Die Idee die Ode zu vertonten hatte er schon im 18. Jahrhundert, etwa um 1795. Ein Beethoven braucht doch kein Klavier um Sinfonien zu schreiben, wenn Beethoven tatsächlich so lange für dieses eine Thema gebraucht hätte, wie soll es ihm dann möglich gewesen sein ganze Sinfonien zu schreiben ? Diese Darstellung ist albern und entspricht nicht der Wahrheit. Mozart oder Haydn, alle großen Komponisten konnte auch ohne Klavier komponieren, sie alle hatten die Töne im inneren Ohr.
Man gewinnt in dieser Dokumentation ein Bild von Beethoven, das mehr einem chaotischen, cholerischen, elenden sentimentalen Romantiker, der nur nach Liebe und Sex strebt, ähnelt, als dem eines großen Komponisten.
Was ist mit der Überlieferung von Czerny, die beschreibt, wie Beethoven am Klavier fantasierte und alle im Raum in Tränen ausbrachen, als Beethoven fertig war, aufstand und sah wie gerührt alle waren, lachte er und sagte das man es aushalten müsste. Er hat sogar Goethe ermahnt nicht zu weinen. Und dieser Mensch soll nun ein hoffnungsloser Romantiker sein ? Beethoven wird als misanthropisch, feindselig und störisch erklärt und genau das sei nicht, wie er im Heiligenstädter Testament darlegte. Und doch wird er immer wieder so dargestellt.
Und was befähigt denn eigentlich Brandauer nur irgendein Wort in der Öffentlichkeit über Beethoven zu sagen ? Auch dass dirigieren von Ochsenknecht ist doch ein Witz. Am Ende des 4 Satzes haben wir ein Prestissimo und Ochsenknecht dirigiert so etwas wie ein 2/4 Takt in einem Moderato Tempo. Beethoven war also auch zu doof zu sehen, dass die Violinen jetzt im Prestissimo sind? Und dann soll Beethoven auch noch an Applaus denken ? Beethoven lebt wesentlich sein Leben in Einsamkeit ist gestraft vom Schicksal, greift ihm aber in den Rachen und alles was Beethoven am Ende seiner größten Sinfonie denkt, ist ob das Publikum auch applaudiert? Beethoven wollte diese Sinfonie eigentlich in Berlin uraufführen, weil ihm die Wienergesellschaft nicht mehr als geeignet erschien, woraufhin ihn einiger Gönner und Fürsten einen so herzlichen Brief schrieben, dass Beethoven doch in Wien Uraufführt. Außerdem war es damals üblich, schon während den Sätzen zu applaudieren, wofür Beethoven, laut Überlieferung einer Geigenspielerin die im Orchester saß, sich nur spärlich bedankte. Es auf war auch nicht der Neffe der Beethoven zum Publikum umdrehte, es war die erste Geige die zu ihm ging.
Ich muss also resümieren - und ich könnte noch einige weitere Fehler darstellen, dass diese Dokumentation schlecht recherchiert, schlecht umgesetzt, fehlerhaft, pathetisch und vor allem unsachlich ist. Die Schwerpunkte sind völlig willkürlich gewählt und erlauben nur für solche einen kleinen Einblick, die sich mit Beethoven schon sehr lange befasst haben, für aber alle diejenigen, die sich durch diese Dokumentation ein Bild von Beethoven gewinnen wollten, die das Verlangen hatten, einmal besser zu verstehen, warum viele Beethoven so sehr schätzen, die haben in dieser Dokumentation nicht viel Wahres und wissenswertes lernen können. Ich rate denen zu den Monographien von Martin Geck oder Roman Rolland, die Beethoven doch um einiges differenzierter darstellen. |
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Reply: Giganten im ZDF vom 6.4.07
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Anna Lina replied on 16.09.2008:
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Frau Bärbel Würth und Herr Dennis Schmeckpeper haben beide recht. Ihre Kritik ist absolut begründet. Fernsehmacher, an die diese Kritik eigentlich gehen müßte, achten nur auf Quote; das merkt man auch hier. Beethoven für den Massengeschmack, boulevardesk aufbereitet und pseudo-wissenschaftlich kommentiert, mit groben Schnitzern in der Biographik. Aber was solls! Die meisten haben nichts gemerkt, darauf kam es an. Das ZDF weiß ja, daß auch bei diesem Thema die Gebildeten in der absoluten Minderheit sind. Und das ZDF steht dabei keineswegs allein; die gesamte filmschaffende Zunft hat bis heute kein ernstzunehmendes Werk über diesen Giganten zuwege gebracht, was in der Natur der Sache liegt. Es macht die Größe Beethovens aus, daß er all das ertragen kann. Die fehlerbespickte ZDF-Spiel-Doku hat nur dann ihren Zweck wirklich erfüllt, wenn sie jedem Einzelnen den Anstoß dazu gibt, die Wahrheit selbst zu suchen, und dabei auch den heute als unumstößlich geltenden Theorien, Abhandlungen - ja auch den anerkanntesten Druckerzeugnissen bisweilen gehörig zu mißtrauen. |
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