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Beethovens Bibliothek wird rekonstruiert

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Zu den Aufgaben des Beethoven-Hauses gehört es, die Originaldokumente zu Beethovens Leben und Werk zu untersuchen, zu veröffentlichen und zu erläutern. Die biographischen und werkbezogenen Studien berühren immer wieder Fragen zu Beethovens Denken und zum geistigen Umfeld des Komponisten. Welchen Einflüssen war er ausgesetzt? Wie hat er sich gebildet? Welche Maximen seiner Zeit hat er verinnerlicht? Beethovens intellektuelle Interessen zu erforschen, setzt voraus, alle Bücher und Musikalien zu eruieren, die der Komponist las, studierte, kopierte, exzerpierte, vertonte, besaß, entlieh, verlieh, verschenkte oder sich zum Kauf notierte. Eine lange Liste würde entstehen, denn nicht nur in den Nachlassakten und im Tagebuch begegnet uns Beethoven als Leser. Auch Briefe, Konversationshefte, Notizzettel, Skizzenblätter, Studien und handschriftliche Musikalien sowie Erinnerungen der Zeitgenossen enthalten Hinweise auf Beethovens Umgang mit Büchern und Noten. Doch selbst der Kernbestand dessen, was Beethoven besaß, die eigene Bibliothek, ist bisher nur in Umrissen bekannt.

Etwas über zwanzig Bücher und Notenausgaben aus Beethovens Bibliothek sind erhalten geblieben. Die meisten gelangten über den Nachlass von Beethovens Biographen Anton Schindler Ende des 19. Jahrhunderts in die Staatsbibliothek zu Berlin. Schindler hatte die Stücke nach dem Tod des Komponisten an sich genommen. Neben zahlreichen Anstreichungen enthalten einige Bücher Randglossen von Beethovens Hand. Schindler kennzeichnete sie zusätzlich mit der Herkunftsangabe "Aus Beethovens Nachlass" und "L. van Beethoven". Ins Beethoven-Haus gelangten Teile einer Musikzeitschrift mit Beethovens Glossen, eine Gesangsschule, die ebenfalls Schindler aus Beethovens Nachlass übernommen haben will, und ein musiktheoretisches Werk, das laut Vermerk des Vorbesitzers Beethoven an Johann Nepomuk Hummel gegeben haben soll. Ein Psalmenbändchen mit dem Namenszug "L. v. Beethoven" von Beethovens oder seines Großvaters Hand fiel 1960 einem Brand im Beethoven-Haus zum Opfer. Zwei musiktheoretische Werke mit Beethovens Eintragungen befinden sich in einer Wiener und einer New Yorker Bibliothek.

Als Beethoven starb, hinterließ er jedoch eine weit umfangreichere Noten- und Büchersammlung. Sie bestand "in gestochenen Musikalien guter Autoren, und in den vorzüglichsten theoretischen Schriften anerkannter Classiker" sowie "in einer kleinen, schöngeistischen Handbibliothek", wie ein zeitgenössischer Gutachter berichtete. Als Teil von Beethovens musikalischem Nachlass unterlagen die Noten und Bücher der gerichtlichen Inventur und wurden wie Beethovens eigene Werke und sein persönliches Hab und Gut Anfang November 1827 öffentlich versteigert. Die für die Versteigerung angefertigten Nachlassverzeichnisse und Versteigerungsprotokolle halten fest, welche Werke eingeliefert und verkauft wurden. Beethovens ehemalige Notenbibliothek verteilt sich auf die Rubriken "Geschriebene Musikalien verschiedener Componisten", "Gestochene Musikalien", "Musikalische Bücher und theoretische Werke". Die 52 nummerierten Kurztitel stehen allerdings oft stellvertretend für nicht weiter bezeichnete umfangreiche Konvolute, die nochmals über 60 weitere Werke von anderen Komponisten enthalten haben. Das Verzeichnis führt außerdem auch geliehenes "fremdes Eigenthum" auf, das an die rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben wurde. Beethovens Buchbibliothek, wie sie in seine Verlassenschaft einging, umfasste mindestens 50 Werke und wurde in einer Liste mit 44 Nummern verzeichnet. Darunter befinden sich auch fünf nachträglich wieder ausgestrichene Werke, die in Österreich verboten waren und von der Zensur konfisziert wurden, also nicht zur Versteigerung kamen.

Zu den Werken, die mit Sicherheit zu Beethovens Musikbibliothek zu rechnen sind, gehören Klavierwerke Bachs, Clementis, Cramers, Reichas, Streichquartette von Haydn und Mozart, Sinfonien von Haydn, Opern von Cherubini, Dalayrac, Gluck, Méhul, Monsigny, Mozart, Paisiello, Salieri, Sarti sowie Oratorien und Messen von Haydn und das Requiem von Mozart. Einzig Händels Werke besaß Beethoven vollständig. Kurz vor seinem Tod hatte er die 40 Folianten umfassende Londoner Händelausgabe als Geschenk erhalten. Musikpraktische Schulwerke für Gesang, für Klavier und Orgel von Carl Philipp Emanuel Bach, Knecht und von Türk fanden sich ebenfalls unter den Musikalien aus Beethovens Besitz. Der beispielhafte Kanon an musiktheoretischen Schriften Beethovens umfasste Werke von Albrechtsberger, Kirnberger, Koch, Marpurg, Mattheson, Riepel, und Vogler. An Abhandlungen zur Musikgeschichte fanden sich in Beethovens Nachlass Bücher von Burney, Forkel und Schubart, an Zeitschriften verblieben einige Hefte musikalischer und schöngeistiger Titel, die jedoch nur einen kleinen Ausschnitt aus Beethovens Zeitungslektüre darstellen.

Eine zweite große Abteilung in Beethovens Bibliothek bilden die Schöne Literatur und Sachbücher. Darunter befinden sich Dramen, Gedichte, Prosaschriften, Textbücher und Gesamtausgaben von Cicero, Euripides, Goethe, Hölty, Homer, Klopstock, La Fontaine, Schiller, Seume, Shakespeare und Tiedge. Zur Bildung und Erbauung dienten Beethoven auch Sach- und Fachbücher der Naturwissenschaft, Philosophie, Geschichte, Literaturwissenschaft sowie religiöse Literatur. Wie in der Belletristik findet sich hier ein bis in die Antike zurückreichendes Spektrum aus Werken von Bode, Camphuysen, Gräffer, Guthrie und Gray, Kant, Kempen, Kotzebue, Plutarch, Sailer, Sturm und Webb. Ein Kochbuch hinterließ Beethoven nicht, aber einige andere praktische Ratgeber hatte sich der Komponist nachweislich zugelegt: Reiseführer für Oberösterreich, Baden und Paris, medizinische Bücher von Hufeland und Lichtenthal und schließlich französische, italienische und lateinische Wörterbücher sowie eine französische Grammatik.

Die versteigerten Werke aus Beethovens Bibliothek gelangten in die Hände von namentlich protokollierten Wiener Verlegern, Musikern, Buchhändlern, Antiquaren und Beamten. Ihre Spur verliert sich jedoch durch nachfolgende, nicht dokumentierte Besitzwechsel. Wenig Aussicht besteht, nicht mit Eigentumsvermerken oder handschriftlichen Einträgen versehene Originalexemplare aufzufinden. Die Bibliothek des Beethoven-Hauses erwirbt daher Parallelexemplare, um auf diese Weise Beethovens Bücher- und Notensammlung wieder aufzubauen. Da meist mehrere unterschiedliche Ausgaben pro Werk existierten, gilt es herauszufinden, welche Ausgabe tatsächlich von Beethoven benutzt wurde. Gelingt es, die in den Listen fehlenden bibliographischen Angaben über andere Quellen zu ermitteln, kann man sich auf die Suche nach einem Parallelexemplar machen.

Ein Beispiel: Zu Beethovens Bibliothek gehörte das musiktheoretische Standardwerk "Abhandlung von der Fuge" von Friedrich Wilhelm Marpurg. In einem Konvolut aus seinem Nachlass, das in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrt wird, befinden sich Tafeln mit Notenbeispielen aus dem ersten Teil des Werkes, und das Nachlassverzeichnis zitiert den französischen Titel "Traité de la fugue". Doch welche der vier gängigen Ausgaben, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts vorlagen, stand in Beethovens Bücherregal? Selbst Beethovens Lehrmaterial, das er eigenhändig aus Marpurg und anderen Theoretikern zusammenstellte, um Erzherzog Rudolf in Komposition zu unterrichte, enthält keinen eindeutigen Hinweis auf die Ausgabe, die er studierte. Erst durch den genauen Vergleich der überlieferten Tafelseiten mit allen Ausgaben konnte ermittelt werden, dass Beethoven die Erstausgabe von Haude und Spener, Berlin 1753/4 besaß. In seinem Nachlass befand sich möglicherweise außerdem eine französische Übersetzung, entweder die des Berliner Originalverlags von 1756 oder die von Anton Reicha übersetzte und in Paris bei Imbault 1801 erschienene.

Der Fund eines gesuchten Buches ist stets ein besonderes Ereignis, denn von über 200 Jahre alten Büchern haben sich nur sehr wenige Exemplare erhalten; seltene Erstausgaben werden zudem besonders teuer gehandelt. Beim Ankauf von kostbaren Schätzen für Beethovens Bibliothek sind deshalb oft zusätzliche Mittel von privaten Spendern nötig. Unser Beispiel, das zugleich die aktuellste Neuerwerbung für Beethovens Bibliothek darstellt, verdankt seinen dauerhaften Verbleib im Beethoven-Haus der großzügigen Unterstützung durch eine Spende des Lions-Clubs Bonn-Beethoven. Mit seiner Hilfe konnte ein Exemplar der deutschen Erstausgabe von Marpurgs "Abhandlung von der Fuge" erworben werden. Es verweist als Parallelexemplar auf Beethovens eigenes nicht mehr erhaltenes Exemplar dieser Ausgabe und ist somit Teil der Rekonstruktion von Beethovens Bibliothek.